Archiv der Kategorie: Toleranz

Realistische Erwartungen an die Liebe

Spricht man mit Paaren, die schon mehrere Jahrzehnte zusammen leben und fragt sie nach ihrem persönlichen Rat für eine gelingende Partnerschaft, sind die Antworten vielfältig.
In meinen zahlreichen Interviews mit Paaren, die ich im Rahmen von Forschungsarbeiten vermehrt zwischen 1999 und 2001 sowie 2002 und 2011 durchführte, sind mir vor allem diese Einschätzungen und Ratschläge in Erinnerung geblieben:

„Wir haben nichts weggeworfen, wir haben es repariert. Dann war das vielleicht schief und krumm, aber wir hatten es deshalb nicht weniger gern. So war das auch mit unserer Ehe.“

„Die kleinen Freuden zu sehen, statt immer nach den großen Dingen Ausschau halten. Das ist es, was uns immer verbunden und meist auch sehr zufrieden sein lassen hat.“

„Das Leben kann nicht immer glücklich sein. Eine Ehe auch nicht. Wenn man sich damit nicht abfinden kann, wird man wohl immer unglücklich sein.“

„Ein Garten steht doch auch nicht immer in voller Pracht und schon gar nicht von allein. Man muss immer wieder auch säen, neue Pflanzen setzen… Warum sollte das in einer Ehe denn anders sein?“

„Die Aufregung ist irgendwann weg. Am Ende zählt, ob ihr euch treue und gute Kameraden seid.“

Sicher, diese Paare sind anders geprägt und erzogen worden. Sie lebten unter anderen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Was sich jedoch deutlich zeigt: Sie haben bescheidenere, oftmals realistischere Erwartungen an eine Ehe als viele heutige Paare. Erwartungsenttäuschungen zählen gegenwärtig zu den wesentlichen Gründen für Trennungen und Scheidungen.

 

Gedanken & Einsichten

„Was tun Sie“, wurde Herr K. gefragt, „wenn Sie einen Menschen lieben?“
„Ich mache einen Entwurf von ihm“, sagte Herr K., „und sorge, daß er ihm ähnlich wird.“ „Wer? Der Entwurf?“
„Nein“, sagte Herr K., „der Mensch.“

(Bertolt Brecht, Wenn Herr K. einen Menschen liebte)

Aufgabenteilung und Ordnung gehören zu den häufigsten Streitthemen in Paarbeziehungen

Kindererziehung, Finanzen und Sexualität gehören zu den häufigsten Paarkonflikten.
Neben diesen Themen ist es außerdem die Aufgabenteilung, welche Paare in Streit geraten lässt. Diese ist in einer Paarbeziehung oftmals eng an das Empfinden der Partner von Fairness und Gerechtigkeit geknüpft und hat damit besondere Brisanz.

Sich ernsthaft, mit „Zeit am Stück“, über eine gerechte Aufgabenteilung mit dem Partner auszutauschen – nicht nur ausgelöst durch Konflikte und damit im Streit  –  versäumen viele Paare. Stattdessen haben die Partner das Gefühl, immer häufiger in Stress über das Thema zu geraten und zu keinen praktischen Lösungen zu kommen. Der Frust ist dann meist vorprogrammiert und mit ihm sinkt die Gesprächs- und Kompromissbereitschaft.

Nicht selten sind auch unterschiedliche Auffassungen von Ordnung ein Grund für wiederholte und erschöpfende Streitigkeiten. Ein Austausch ist hierüber ebenfalls unerlässlich. Das Vorhaben, den Partner dabei von der jeweils eigenen Sichtweise überzeugen zu wollen, ist jedoch in den allermeisten Fällen vergebens. Machen Sie stattdessen gemeinsam eine Liste, in welchen Bereichen sich wer von Ihnen welche Veränderungen wünscht und sprechen Sie über Ihre jeweiligen die Bedürfnisse – ohne die des anderen abzuwerten.
Ist eine Bestandsaufnahme erfolgt, können Sie zwei Bereiche in Haus /Wohnung festlegen, die Sie gemeinsam „umkrempeln“ oder auch bewusst unverändert lassen wollen. Kompromisse sind auch hier Voraussetzung. Eine Einteilung der gemeinsamen Lebensräume in „Inseln“ (z.B. Abstellraum, Küchentresen, Flurgaderobe, Kleiderschrankhälften) kann dabei unterstützen, (neu) besprochene Regeln zu akzeptieren und im Alltag einzuhalten. Behalten Sie dabei die Fairness im Blick!

Wenn Sie das alltägliche Wohnchaos satt sind und nach praktischen, inspirierenden Lösungen suchen, kann das Buch „Aufgeräumt“ von Rebecca Winward zusätzlich clevere Ordnungsideen liefern.
Einfach anfangen – statt weiter streiten!

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Beziehungsunfähig? – Mein Buchtipp

Beziehungsunfähigkeit? Bindungsangst?

Für den Autor Friedemann Karig sind diese Aussagen lediglich Selbsttäuschung und/oder Vorwand.

Der sicherste Weg aus Untreue und Eifersucht ist für Karig die „Offene Liebe“. In seinem kürzlich publizierten Buch „Wie wir lieben – Vom Ende der Monogamie“ legt der Jungautor dar, wann Polyamorie eine Bereicherung und ein Ausweg aus „klassischer Einengung“ in Partnerschaft sein kann.

Dem Autor geht es dabei nicht um ein Pläydoyer zu beliebiger oder leichtfertiger Partnerschaft, sondern vielmehr um eine Beziehungspartnerschaft, in der Regeln der Treue und des Vertrauens neu ausgehandelt und definiert werden. Diese können und sollten seines Erachtens im Verlauf einer Beziehung, entsprechend veränderter Bedürfnisse und Situationen, neu aushandelbar sein. Geht es dem Autor doch gerade darum, starre Lebensmodelle infrage zu stellen. Das Buch kann damit Lesern Anhaltspunkte liefern, die eine „offene Beziehung“ führen möchten. 

Sicher, ein umstrittenes Werk, da diese Art der Beziehungsführung den Partnern ein Höchstmaß an Selbstwertgefühl, Gefühlsregulation und Disziplin abverlangt. Dennoch gelingt es dem Autor neue Perspektiven und Lebensmodelle auszuleuchten, anhand derer die eigene Denkrichtung hinterfragt werden kann.

Meine, deine, unsere Werte – Kommunikationstipp für Paare

Paare, die sich häufig und sehr vehement streiten, berichten, dass sich diese Auseinandersetzungen oft an Kleinigkeiten entzünden oder sich um scheinbar „banale“ Themen drehen. Nicht selten aber münden Auseinandersetzungen über unterschiedliche Sichtweisen in Eskalationen, da die Partner um ihre „verdeckten“ Wertvorstellungen ringen.
So auch bei Konflikten beispielsweise um Alltagsorganisation oder Fairness und Gerechtkeit. Für den einen Partner steht die finanzielle Versorgung und Absicherung der Familie im Fokus all seiner Bemühungen, während für den anderen der Familienzusammenhalt und die gemeinsame Zeit  „schützenswert“ sind. Darüber zu streiten, welche Motivation nun „richtig“ oder „falsch“ ist und somit in ein nicht endendes „Ping Pong von Argumenten und Gegenargumenten“ zu geraten, ist auf Dauer zermürbend und zudem wenig zielführend.

Eine Möglichkeit ist es stattdessen, gemeinsam darüber zu sprechen, was den jeweils anderen „antreibt“ und welche Wertvorstellung mit dem (kritisierten oder störenden) Verhalten für den Partner verbunden ist. Ein wohlwollendes Gespräch miteinander, in welchem die hauptsächliche Motivation nicht die Klärung von „angemessen/unangemessen“,“richtig/falsch“ oder „recht/unrecht“ ist, sondern vor allem aufrichtiges Interesse oder Neugierde, kann Paaren helfen, sich über wiederkehrende Probleme ein neues Verständnis zu schaffen. Ein echtes Verständnis für den anderen und seine Werte kann eine gemeinsame Problemlösung wiederum deutlich erleichtern und vermeidet „faule Kompromisse“.

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Wie können die Partner über ihre wichtigsten Werte im Leben ins Gespräch kommen?

Eine Möglichkeit wäre es, dass jeder Partner drei der für ihn wichtigsten Werte im Leben oder in der Partnerschaft (das macht eventuell Unterschiede!) notiert und das Paar sich anschließend darüber austauscht. Nehmen Sie sich Zeit für das Notieren und das anschließende Gespräch!
Eine weitere Möglichkeit besteht darin, anhand eines sich wiederholenden Streitthemas darüber zu sprechen, welcher Wert für den Partner in diesem Konflikt „bedroht“ oder „angegriffen“ wird.

Diese Fragen können bei beiden Möglichkeiten hilfreich sein:

  • Warum ist gerade dieser Wert so bedeutungsvoll für mich oder warum könnte dieser so bedeutsam für mich geworden sein?
  • Was verbinde ich mit diesem Wert?
  • Wie versuche ich diesen zu schützen?
  • Wie verhalte ich mich, wenn ich den Eindruck habe, dass dieser Wert bedroht oder in Frage gestellt wird?
  • Durch welches Verhalten kann dieser Wert angegriffen werden?
  • Wo sehe ich Zusammenhänge zu bestimmten Konflikten zwischen uns und diesem für mich / dich hochbedeutungsvollen Wert?
  • Wo hat der Wert –  und das, was ich gestützt durch ihn versuche zu leben und umzusetzen  – aus meiner Sicht / deiner Sicht positiven und wo negativen Einfluss auf unsere Partnerschaft und unser Familienleben?

Ein Austausch über Werte lohnt sich immer – auch für glückliche Paare, die es bleiben wollen!
Es darf sogar Spaß machen!

Mein aktueller Buch- und Filmtipp

Der Roman „Die Mitte der Welt“ von Andreas Steinhöfel – eigentlich ein Jugendbuch, doch auch von Erwachsenen vielfach gelesen und geschätzt – erschien bereits 2004.
Mittels präziser, detailreich und bildlicher Sprache erzählt der Autor vom 17 jährigen Phil, den Herausforderungen der Pubertät, die Suche nach Orientierung und Perspektiven und die Aufregungen der ersten Liebe, welche für Phil mit dem Coming-out verbunden sind. Eindrücklich dabei, die Selbstverständlichkeit des Protagonisten im Umgang mit seiner Homosexualität.
Weitere Charaktere, wie Phils alleinerziehende Mutter und seine Zwillingsschwester bilden weitere, zum Teil berührende, Erzählstränge des Romans.

Gänzlich ohne erhobenen Zeigefinder bringt dieses Buch zum Nachdenken über Ehrlichkeit, Menschlichkeit und vor allem Toleranz. Und nicht zuletzt über die Liebe:

„Liebe ist ein Wort, das du nur mit blutroter Tinte schreiben solltest. Liebe treibt dich dazu, die seltsamsten Dinge zu tun. Sie lässt dich regenbogenfarbene Bonbons verteilen, sie lässt dich in roten Schuhen durch die Straßen tanzen, und sie schreckt nicht davor zurück, dich nachts mit blutenden Händen Gräber in paradiesische Gärten hacken zu lassen. Liebe schlägt dir tiefe Wunden, aber auf eine ihr eigene Art heilt sie auch deine Narben, vorausgesetzt, du vertraust ihr und gibst ihr die Zeit dazu. Meine Narben werde ich nicht anrühren. Ich werde neue Wunden davontragen, noch ehe die alten verheilt sind, und ich werde anderen Menschen Wunden zufügen. Jeder von uns trägt ein Messer.“

Die Verfilmung des Romans ist kürzlich auf DVD erschienen. Mehr Einblicke erhalten Sie in diesem Artikel.

Worauf kommt es in gelingenden Partnerschaften an?

Warum verändern wir häufig unsere Einstellungen und Erwartungen im Verlauf einer Partnerschaft? Worum geht es Frauen in Beziehung genau? Wie lässt sich das Spannende und Leidenschaftliche auch über Jahre und Jahrzehnte in einer Paarbeziehung aufrecht erhalten? Wieso gelingt es auch in neuen Partnerschaften nicht, die eigenen Vorsätze umzusetzen? Warum ist Trennung häufig nicht die richtige Entscheidung? Was genau braucht es für eine dauerhaft zufriedene Partnerschaft?

Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigt sich die aktuelle Ausgabe der Psychologie compact, u.a. in Interviews mit Experten aus Paarberatung, Paartherapie und Forschung.