Archiv für den Monat: Mai 2013

Unerfüllter Kinderwunsch – Zerreißprobe für die Partnerschaft (Teil 1)

Etwa jedes sechste bis siebte Paar in Deutschland bleibt ungewollt kinderlos. Insgesamt betrifft dies ca. 15% aller in Deutschland lebenden Paare (u.a. Rohde, 2010). Dabei trifft es viele von ihnen durchaus unerwartet. Sie haben in den Jahren zuvor genau auf Schwangerschaftsverhütung geachtet und / oder die Gründung einer Familie bewusst aufgeschoben, z.B. angesichts beruflicher Ziele. Wenn nach dem Entschluss, ein Kind zu bekommen, die gewünschte Schwangerschaft ausbleibt, geraten viele Paare – insbesondere Frauen – schnell in tiefe Verzweiflung. Mit jedem unerwünschten Einsetzen der Menstruation wächst der Wunsch nach einem Kind. Verzweiflung und Hilflosigkeit wachsen. Emotional und nicht zuletzt finanziell investieren diese Paare viel in ihren gemeinsamen Wunsch nach einem Kind. In dieser Lebensphase, die von vielen Paaren als schwerwiegende persönliche Lebenskrise erlebt wird, fühlen sich die Paare nicht selten alleingelassen. Deren psychische Situation steht oftmals im Hintergrund, was den Leidensdruck noch verstärken kann. Frauen erhalten zudem mehrfach den Ratschlag, sich nicht zu stark auf den Kinderwunsch zu fokussieren, da dies die Chancen einer Schwangerschaft noch verschlechtern würde. Dieser gut gemeinte Rat bewirkt bei den betroffenen Frauen aber häufig eine noch größere Entmutigung, da es ihnen unmöglich erscheint, den Kinderwunsch „einfach abzustellen“ bzw. sich weniger darauf zu konzentrieren. Stattdessen befürchten sie durch die Intensität ihres Wunsches seiner Realisierung selbst im Wege zu stehen, was ihre Hilflosigkeit und Ihren Unmut noch verstärkt. Der Rat, sich nicht auf den Kinderwunsch zu fokussieren, ist somit alles andere als hilfreich. Die Rolle psychischer Faktoren Auch wenn in Studien, wie z.B. dem „Heidelberger Kinderwunschprojekt“ zwischen 1994 und 2000 kein unmittelbarer Zusammenhang zwischen psychischer Entlastung eines Paares und einer Erhöhung der Schwangerschaftsrate der Frauen nachgewiesen werden konnte, gilt es dennoch als wissenschaftlich erwiesen, dass starker psychischer Stress (z.B. berufs- oder partnerschaftsbedingt) negative Auswirkungen auf den Hormonhaushalt sowohl bei Frauen als auch bei Männern haben kann (auch Domar, 2004). Im Umkehrschluss heißt es in der Kinderwunsch-Broschüre (4) der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) aber auch, dass das Zusammenwirken von Körper und Psyche die Fruchtbarkeit zeitweise auch positiv beeinflusst. Ruhephasen im Alltag, gemeinsame partnerschaftliche Aktivitäten und das Erleben von wohltuender Zweisamkeit können einzelne körperliche Funktionen positiv beeinflussen und damit die Schwangerschaftswahrscheinlichkeit erhöhen. Untersuchungsergebnisse der Bostoner Forscherin Domar und Ihrem Forscherteam (u.a. (Domar u.a., 2000; Domar & Benson, 2005; Domar u.a., 2009, 2011) stützen diese Annahme deutlich. Es ließ sich u.a. zeigen, dass eine kontinuierliche Durchführung von Entspannungstechniken sowie gruppenpsychologische, verhaltenstherapeutische Unterstützungsangebote Einfluss auf die Schwangerschaftsrate nehmen können. Als wichtig erweist sich dabei außerdem die insgesamt positive Wirkung der Stressbewältigungsmethoden auf den Alltag der Frauen und den Umgang mit dem bislang unerfüllten Kinderwunschthema. Inwieweit eine Fruchtbarkeitsstörung ausschließlich psychisch bedingt sein kann, ist auch in der Forschung noch nicht eindeutig geklärt. Frühe psychoanalytisch-psychosomatische Forschungsansätze erachteten das Ausbleiben einer Schwangerschaft als Ausdruck unbewusster Abwehrtendenzen der Frau. Dabei wurde vorausgesetzt, dass die Frau sich aufgrund eigener Erfahrungen mit Mutter unbewusst gegen ein Kind wehre. Diese Betrachtungsweise, die bedauerlicherweise zeitweise noch immer in der Ratgeberliteratur zu finden ist, beweist sich in dieser Verallgemeinerung als unzureichend und nicht haltbar. Eine psychogene Fertilitätsstörung (psychisch bedingt) im engeren Sinne liegt nur vor, wenn ein Paar trotz des Kinderwunsches und einer angemessenen Aufklärung durch den Arzt bzw. Endokrinologen weiterhin fertilitätsschädigendes Verhalten praktiziert (z.B. Hochleistungssport, ausgeprägter und langanhaltender beruflicher Stress, übermäßiger Genuss von Alkohol, Koffein, Nikotin sowie Medikamentenmissbrauch oder essgestörtes Verhalten) (u.a. Strauß &Beyer, 2004). Hinzu kommt auch eine Nicht-Nutzung der Konzeptionschancen (kein Geschlechtsverkehr an fruchtbaren Tagen). Insbesondere der letztgenannte Aspekt liegt nicht selten vor. Laut einer Befragung des Instituts für Demoskopie Allensbach von 2007 haben bis zu 20% der Paare trotz des ausgeprägten Kinderwunsches keinen Sexualverkehr zum Zeitpunkt des Eisprungs oder haben keine Kenntnis vom optimalen Konzeptionszeitpunkt. Gemäß einer Studie von Pook und seinem Forscherteam (2000) soll es sich dabei sogar um 50% der Paare handeln. Psychische Faktoren liegen auch dann vor, wenn ein Paar eine medizinisch indizierte Infertilitätstherapie bewusst bejaht, aber nicht beginnt. Psychische Faktoren als Ursache für die Kinderlosigkeit liegen auch dann vor, wenn beide Partner eine medizinisch angezeigte Infertilitätstherapie befürworten, jedoch nicht beginnen. Die Häufigkeit medizinisch ungeklärter Fertilitätsstörungen liegt bei ausführlicher medizinischer Diagnostik bei ca. 10% der Paare vor. Diese wird auch als idiopathische oder funktionelle Fruchtbarkeitsstörung bezeichnet und ist als Ausschlussdiagnose zu verstehen. Sie ist daher nicht gleichzusetzen mit der oben erwähnten psychogenen Sterilität. Da aber auch bei einer nachgewiesenen organischen Verursachung psychische Faktoren eine Rolle spielen können, ist eine Unterscheidung in organisch bedingte und eine psychisch bedingte Fruchtbarkeitsstörung nicht sinnvoll. Wenn der Kinderwunsch Gedanken und Gefühle steuert Wie können Frauen mit intensivem Kinderwunsch in der schmerzvollen Warteschleife neben Entspannungstechniken und dem Austausch – beispielsweise in Selbsthilfegruppen (u.a. über den Verein Wunschkind e.V. und Online-Foren wie das urbia-Forum Kinderwunsch) – Anspannungen abbauen und einen für sie weniger belastenden Umgang mit dem Wunsch entwickeln? Wie können sie ihrem oft hilflosen Zustand entgegen wirken, der ihr Denken und Fühlen nahezu vollständig beherrscht und alles andere als nebensächlich oder bedeutungslos erscheinen lässt? Ein erster wichtiger Hinweis: Machen Sie sich nicht zu früh Sorgen! Nicht selten setzen sich Paare bereits nach wenigen Monaten wegen des Ausbleibens einer Schwangerschaft unter Druck. Dabei sind solche Wartezeiten nichts ungewöhnliches (Kinderwunsch-Broschüre BzgA). Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht erst dann von Unfruchtbarkeit, wenn sich eine Schwangerschaft auch nach ein bis zwei Jahren regelmäßigen Geschlechtsverkehrs ohne Empfängnisverhütung nicht einstellt. Demnach ist es entscheidend, einige Zeit einzuplanen bis eine Schwangerschaft Realität wird. Rohde, Professorin an der Universität Bonn, weist bereits 2001 darauf hin, dass auch bei jungen, gesunden Paaren die Schwangerschaftsrate nur ca. 20 bis 30 Prozent pro Zyklus beträgt. Zu berücksichtigen ist dabei außerdem, dass die Fruchtbarkeit mit zunehmendem Alter abnimmt, so dass bei Frauen in einem Alter zwischen 25 und 33 Jahren nur noch eine Konzeptions- bzw. Schwangerschaftswahrscheinlichkeit von ca. 18 Prozent pro Zyklus vorliegt. Eigene Motive und Erwartungshaltungen überprüfen Um seine kreisenden Gedanken um den unerfüllten Kinderwunsch umzulenken, kann es nach der Kinderwunsch-Broschüre (4) vom BZgA hilfreich sein, sich eine gewisse Zeit mit dem Partner oder alleine ausführlicher mit folgenden Fragestellungen auseinanderzusetzen:
  • Warum wünsche ich mir / wünschen wir uns eigentlich ein Kind?
  • Was bedeutet ein Kind für mein / unser Selbstwertgefühl bzw. Selbstbewusstsein?
  • Hat meine / unsere Partnerschaft auch ohne Kind Bestand?
  • Wie könnte unser Leben als Paar ohne Kinder aussehen?
Weitere Fragen könnten sein:
  • Belasten mich Erwartungen von außen? Das heißt z.B. der starke Wunsch nach Nachwuchs in meiner Familie oder bei meinen Freunden usw.?
  • Was möchte ich mit meinem Partner/ meiner Partnerin zusammen erleben?
  • Was macht mir Freude und was möchte ich erleben?
  • Wie kann ich mein Leben auch ohne Kind kurzfristig und ggf. auch langfristig erfüllter gestalten? Was kann mir Kraft und Zuversicht geben?
Ziel einer Beschäftigung mit solchen Fragen ist keineswegs das Verdrängen oder der Abschied des Kinderwunsches. Doch die Klärung eigener tieferer Gründe für die Sehnsucht nach einem Kind kann die verzweifelte Konzentration auf den Kinderwunsch oft zu anderen wesentlichen Aspekten des Lebens lenken. Ist der Kinderwunsch zum Beispiel auch davon mitgeprägt, dass die Frau oder beide Partner sich ohne Kind nicht als wertvoll empfinden, bietet es sich an, sich damit auseinander zu setzen, worin dies begründet sein könnte. Eine andere Möglichkeit kann der Wunsch nach einer erfüllenden Aufgabe sein, u.a. dann, wenn die Frau oder auch beide Partner keine befriedigenden beruflichen Erfahrungen machen konnten. Möglich ist es außerdem, dass der Kinderwunsch auch durch Partnerschaftsprobleme und die Hoffnung auf deren Überwindung durch Nachwuchs verstärkt wird. Insofern bieten Fragen wie diese die Chance, Motive und eigene Erwartungshaltungen zu hinterfragen und sich daraus ableitend Veränderungswünsche bewusst zu machen und umzusetzen bzw. weitere Ideen und Perspektiven für persönliches Wachstum über den Kinderwunsch hinaus zu entwickeln. Paaren, die sich vergeblich ein Kind wünschen, fällt es verständlicherweise häufig schwer, sich auf die Frage nach Lebensperspektiven ohne Kinder einzulassen. Auch diese Frage soll in keiner Weise dazu dienen, den Kinderwunsch aufzugeben, sondern lediglich dazu, den massiven Erfolgsdruck zu reduzieren. Eine zunächst leidvoll erscheinende Situation genauer zu betrachten, kann auch bedeuten, tiefere Ängste zu einem Teil zu überwinden und dadurch die Gesamtsituation weniger verkrampft und psychisch belastet zu erleben (Kinderwunsch-Broschüre (4) BzgA). Literaturhinweise für Sie: Khaschei & Feibner (2012). Hoffnung Kind: Wege und Perspektiven zum erfüllten Kinderwunsch. Stiftung Warentest. Kleinschmidt, Thorn & Wischmann (2008). Kinderwunsch und professionelle Beratung. Kohlhammer Verlag. Zart, Birigit (2006). Gelassen durch die Kinderwunschzeit: Loslassen lernen und empfangen. Ariston Verlag. Umfassende Informationen, Hinweise und Unterstützungsangebote für Paare mit Kinderwunsch finden sich hier: http://www.familienplanung.de/kinderwunsch/ http://www.urbia.de/magazin/kinderwunsch/special-kinderwunsch Weitere Quellen: Domar (2004). Impact of psychological factors on dropout rates in insured infertility patients. Fertil Steril, 81 (2). Domar et al. (2011). Impact of a group mind/body intervention on pregnancy rates in IVF patients. Fertil Steril, 95 (7). Domar et al. (2000). Impact of group psychological interventions on pregnancy rates in infertile women. Fertil Steril ,73 (4). Institut für Demoskopie Allensbach (2007): Allensbacher Bericht 11/2007 Unfreiwillige Kinderlosigkeit [letzter Zugriff 20.04.2013] Pook, M./Tuschen-Caffier B./Krause et al. (2000): Psychische Gesundheit und Partnerschaftsqualität idiopathischer infertiler Paare. In: Brähler, E./Felder, H./Strauß, B. (Hrsg.): Fruchtbarkeitsstörungen. Jahrbuch der Medizinischen Psychologie 17: 262-271 Rohde (2010). Selbstverständlichkeit beim Kinderkriegen ist verloren gegangen – Immer wieder geht der Familienplan nicht auf. MMW – Fortschritte in der Medizin, 48: 26. Rohde (2001). Zur psychischen Situation ungewollt kinderloser Paare. In W. Fthenatkis & M. Textor (Hrsg.), Online-Familienhandbuch. München: Staatsinstitut für Frühpädagogik. [letzter Zugriff 20.04.2013]. Strauß, B. & Beyer, K. (2004): Ungewollte Kinderlosigkeit. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Robert-Koch-Institut in Zusammenarbeit mit dem Statistischen Bundesamt. Heft 20, April 2004