Archiv für den Monat: Juli 2012

Junge Eltern und ein erfülltes Sexualleben?

Nicht selten bleibt nach der Geburt eines Kindes die Sexualität auf der Strecke. Wie können junge Elternpaare die Basis für lustvolle Begegnungen erhalten oder neu schaffen? Auch die Sexualität in Partnerschaften verläuft in unterschiedlichen Phasen. Mal spielt Sex eine größere, mal eine geringere Rolle. Nicht nur mit der Dauer der Partnerschaft, vielfach auch nach der Geburt eines Kindes sinkt der Stellenwert von Sexualität. Paare sollten sich deshalb nicht unnötig unter Druck setzen. Auf Dauer gilt jedoch: Nicht abwarten und hoffen, dass sich regelmäßige sexuelle Begegnungen wieder ergeben. Ebenso ist es unrealistisch auf „spontane“ Möglichkeiten zu warten, wie sie Paare häufig aus ihrer Kennenlern- und Verliebtheitsphase kennen. Gerade für Eltern mit Babys und Kleinkindern gestaltet sich spontaner Sex äußerst schwierig. Warum sinkt das Interesse an Sex? Hierfür gibt es zahlreiche Erklärungen und Gründe. Zu den wichtigsten gehören:
  • Die Konzentration junger Eltern richtet sich gerade nach der Geburt eines Kindes und in seinen ersten Lebensjahren stark auf dessen Bedürfnisse. Eigene Wünsche und Bedürfnisse werden in den Hintergrund gerückt. Außerdem fehlen dem Paar zeitliche und räumliche Freiräume – auch in der Partnerschaftssexualität.
  • Durch wenig Schlaf und einen neuen Lebensrhythmus sind die Partner häufig ausgepowert, erschöpft und müde.
  • Junge Mütter sind durch die körperlichen Belastungen der Geburt und des Stillens, hormonelle Umstellungen und das Hineinwachsen in die Mutterrolle nicht selten lustlos. Hinzukommen körperliche Veränderungen – ausgelöst durch Schwangerschaft und Geburt – aus denen Gefühle von Verunsicherung oder Unattraktivität und dadurch auch Hemmungen entstehen können.
  • Weiterhin kann es problematisch sein, wenn junge Väter sich durch eine starke Mutter-Kind-Bindung zurückgesetzt fühlen. Es können daraus Spannungen innerhalb der Partnerschaft entstehen, die wiederum zu körperlichem Rückzug führen.
Was können Paare tun? Wichtig ist es, dass Männer Ihre Partnerin nach einer Geburt nicht zum Sex drängen. Die erste Initiative sollte von der Frau kommen. Die Frau weiß am besten, wann mögliche geburtsbedingte Narben oder Risse (Kaiserschnitt, Dammschnitt oder -riss) verheilt sind und wann sie nach körperlichen Umstellungen u.a. durch das Stillen wieder Lust auf Sex entwickelt. Bis dahin sind Zärtlichkeiten der Partner sehr wichtig, aber auch eine gegenseitige verständnisvolle Haltung. Sollte die Lust auf Sex bei der Partnerin längere Zeit nicht wiederentstehen, ist es wichtig darüber zu sprechen und gemeinsam nach den Ursachen zu suchen. Sprechen Sie über die neue Lebenssituation und gehen Sie dabei nachsichtig und mitfühlend miteinander um. Sprechen Sie miteinander darüber, welche Unterstützung Sie beide in bestimmten Bereichen brauchen, so dass das Klima in ihrer Partnerschaft positiv und wohlwollend bleibt. Kommt die Lust der Partnerin nur zögerlich wieder oder schläft zwischendurch wieder ein, ist es wichtig, dass beide Partner die Pflege der Sexualität als wesentlich betrachten. Jeder sollte hier aktiv werden und nicht warten, bis der andere den ersten Schritt macht. Nach Untersuchungen des renommierten Paarforschers und –therapeuten Guy Bodenmann (2010) beruht eine zufriedenstellende Sexualität auf drei Grundpfeilern:
  • Sex braucht Priorität
  • Sex braucht Raum
  • Sex braucht Abwechslung
Im letzten Punkt zeigt sich, dass Paare offen miteinander über sexuelle Wünsche und Bedürfnisse sprechen sollten. Dabei ist es wichtig, nicht unablässig um die „Ursachen“ zu kreisen und in gegenseitigen Vorwürfen zu enden. Bleiben Sie neugierig! Auch wenn man oft meint, den Partner schon gut zu kennen, Sie werden sicher auch Neues erfahren, wenn Sie sich die Zeit nehmen, sich auszutauschen. Schaffen Sie hierfür eine Atmosphäre, in der es möglich ist, Wünsche offen zu äußern, aber deren Erfüllung auch abzulehnen. Offenheit ist nur in einem harmonischen Paarklima möglich. Dieses schaffen sie im täglichen Miteinander. Gehen Sie auf Ihren Partner ein? Unterstützen Sie sie oder ihn im Alltag? Zeigen Sie ihr oder ihm Ihre Liebe und Wertschätzung? Die Forschung zeigt, dass Paare, die der Qualität ihrer Beziehung einen hohen Stellenwert einräumen, gleichzeitig ein stabiles Fundament für ein erfülltes Sexualleben erhalten (Bodenmann, 2010). Überraschen Sie den anderen immer mal wieder mit Zärtlichkeit, verführen Sie ihn oder sie mal sinnlich, mal leidenschaftlich. Bringen Sie auch ruhig mal spielerische Komponenten mit ein. Dafür ist es aber Voraussetzung zu wissen, was meinem Partner Genuss bereitet. Die Notwendigkeit, sich miteinander auszutauschen, wird hier noch einmal deutlich. Gibt es eventuell neue Zeitpunkte, an denen Sie Sex genießen können? Was haben Sie früher genossen und könnten dies (in eventuell auch abgeänderter Form) wieder aufnehmen? Fragen Sie sich aber auch: Ist Sex für mich befriedigend wenn das Begehren und die Leidenschaft nicht mehr so stark wie am Anfang oder vor der Geburt des Kindes sind? Oder: Hat Sexualität bei uns auch ohne größere Erwartungen einen Stellenwert? Ist es für uns auch möglich, einen Quickie zu genießen? Was muss dafür eventuell getan oder verändert werden? Auf den idealen Moment für Sex zu warten, ist vergebens! Nehmen Sie sich für Sex bewusst Zeit. Planen Sie Sexualität in Ihren Paaralltag ein. Auch wenn das zuerst nüchtern oder sachlich erscheinen mag – wer behauptet, dass Ihre körperlichen Begegnungen nicht spontane Elemente enthalten oder romantisch sein können? Fangen Sie noch heute an! Denn: Die Zufriedenheit in der Partnerschaft erhalten, bedeutet auch, eine erfüllende Sexualität zu erhalten. Ausgewählte Literaturhinweise für Sie: Guy Bodenmann (2010). Was Paare stark macht. Das Geheimnis glücklicher Beziehungen. Beobachter Buchverlag. Ulrich Clement (2009). Guter Sex trotz Liebe. Wege aus der verkehrsberuhigten Zone. Ullstein Taschenbuchverlag. David Schnarch (2011). Intimität und Verlangen: Sexuelle Leidenschaft wieder wecken. Klett-Cotta Verlag.